Warum Führung regelmäßige Rückmeldung braucht – und nicht nur Jahresgespräche
Stärkenarbeit ist kein Extra. Sie ist Führungsgrundlage.
In vielen Organisationen gilt Stärkenarbeit noch immer als Zusatz – als etwas, das man „auch noch macht“, wenn Zeit bleibt. Das ist ein Denkfehler. Stärkenarbeit ist kein Programm für gute Zeiten. Sie ist der zentrale Hebel für Effizienz, Produktivität und Motivation im Führungsalltag. Daraus ergibt sich eine entscheidende Frage:
Reichen Jahresgespräche allein wirklich aus, wenn Menschen in ihren Stärken wirksam sein sollen?
Jahreszielgespräche haben Sinn – aber einen anderen, als viele denken
Jahreszielgespräche sind wertvoll. Aus zwei Gründen:
- Sie schaffen Orientierung.
Sie klären Fokus und Beitrag zum Ganzen. - Sie fördern Selbstverantwortung.
Wer weiß, wofür er verantwortlich ist, kann Verantwortung übernehmen.
Richtig geführt setzen sie den Zug in Bewegung: Richtung klären. Ziel benennen. Verantwortung übergeben. Aber ein Zug fährt nicht von allein weiter.
Die Kopplung an Gehalt und Bonus ist nicht das Problem
Dieser Punkt wird oft tabuisiert – zu Unrecht. Klare, messbare Ziele mit Gehalts- oder Bonus-Kopplung sind fair, nachvollziehbar und motivierend. Das Problem sind vage Ziele. Sie erzeugen gefühlte Ungerechtigkeit und inneren Rückzug – nicht weil Menschen leistungsfeindlich wären, sondern weil Unklarheit Autonomie zerstört.
Eine ambitionierte Messlatte ist kein Druckmittel. Sie ist ein Signal von Zutrauen: „Ich traue dir zu, daran zu wachsen.“ Zu niedrige Messlatten demotivieren. Nicht umgekehrt.
Menschen wollen wachsen – das ist kein Idealismus
Edward L. Deci und Richard M. Ryan zeigen seit Jahrzehnten:
Der Mensch ist von Natur aus auf Wachstum ausgerichtet – nicht im Sinne von „schneller, höher, mehr“, sondern kompetenter, wirksamer, mit sinnvollem Beitrag. Menschen wollen gute Arbeit leisten. Aus innerem Antrieb. Und ob dieser innere Antrieb wirksam wird, entscheidet nicht der Mensch allein, sondern sein Kontext.
Motivation entsteht im Kontext – und Führung ist der stärkste Kontext
Motivation ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Sie entsteht – oder versiegt – im Umfeld. Führung ist einer der mächtigsten Kontexte überhaupt.
Beschneidet sie Autonomie, macht Kompetenz unsichtbar
oder vernachlässigt Zugehörigkeit, geht Motivation verloren – unabhängig vom Menschen.
Deshalb funktioniert Stärkenarbeit nur kontinuierlich
Stärkenarbeit ist keine Kuschelmaßnahme. Sie ermöglicht systematisch Wachstum:
- In den Stärken arbeiten → Kompetenz erleben
- Mitgestalten dürfen → Autonomie erleben
- Gesehen werden → Zugehörigkeit erleben
Genau diese drei Grundbedürfnisse stehen im Zentrum der Selbstbestimmungstheorie. Deshalb kann Stärkenarbeit nicht nur einmal im Jahr retrospektiv erfolgen, sondern braucht begleitende Rückmeldung im Alltag.
Warum regelmäßige Rückmeldung unverzichtbar ist
Nach Monaten ohne Austausch ist Anpassung zur Gewohnheit geworden und Energie oft bereits verloren. Dann geht es im Jahresgespräch nicht mehr um Feinjustierung,
sondern um Reparatur. Regelmäßige, kurze Feedbackschleifen wirken anders. Sie fragen nicht primär: „Hast du dein Ziel erreicht?“
Sondern:
- Wo hast du Energie gewonnen?
- Wo hat es dich Kraft gekostet?
- Wo konntest du deine Stärken einsetzen?
Das sind keine Wohlfühlfragen. Das sind führungsrelevante, motivationspsychologisch fundierte Fragen.
Führung passiert im Alltag
Das Jahreszielgespräch setzt den Zug in Bewegung. Die Gespräche unter dem Jahr halten ihn am Laufen. Sie müssen nicht formal, lang oder perfekt sein. Sie müssen stattfinden. Denn Entwicklung ist kein Jahresereignis. Sie ist ein Prozess.
Der eigentliche Führungshebel
Stärken lassen sich nicht einmal im Jahr führen. Wachstum braucht kontinuierliche Rückmeldung. Wer Menschen wirklich in ihren Stärken einsetzen will, muss regelmäßig hinschauen, wo Energie fließt – und wo nicht.