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Weiter geht’s mit der Kategorie Umgang mit Komplexität. Nach dem Analytiker, der ins Bergwerk hinabsteigt, stelle ich euch heute sein Gegenstück vor: die Vorstellungskraft. Und ja – dieses Talent gehört zu mir.

Die Vorstellungskraft fliegt drüber

Wenn der Analytiker in die Tiefe geht, dann fliegt die Vorstellungskraft darüber hinweg – wie aus der Helikopterperspektive. Sie erfasst einen ganzen Raum, eine ganze Situation, auf einen Blick. Und sie sucht dabei nach Mustern: nach Stimmigkeit – und nach Unstimmigkeit.

Trifft sie auf etwas Unstimmiges, ist das nicht einfach eine Randnotiz. Es springt ihr förmlich ins Bild. Und sofort beginnt im Kopf ein Ideensprudeln: Wie könnte man das stimmig machen?

Das Besondere dabei: Diese Ideen sind nicht irgendwo gespeichert und werden nur abgerufen. Sie werden in dem Moment erst erzeugt. Die Vorstellungskraft findet keine Lösung, weil sie eine parat hatte – sie generiert sie. Genau das macht dieses Talent so kreativ: ein ständiges Neu-Erschaffen, kein Abrufen aus der Schublade.

Und sie ist so lange innerlich beschäftigt, bis aus dem Unstimmigen wieder etwas Stimmiges geworden ist.

Eine kleine Geschichte dazu

Ich war mit meinem Partner in einem Seminarraum. Beim Rausgehen sage ich: „Hast du das gesehen? Da oben ist so ein kleines Stück Stuck an der Decke, das nicht fertig gemacht ist.“ Er hat mich nur angeschaut und gefragt: „Wie kann dir sowas überhaupt auffallen?“

Genau das ist die Vorstellungskraft: Sie erfasst den ganzen Raum auf einmal – und ausgerechnet das eine kleine, unstimmige Detail ist es, das hängen bleibt.

Warum diese Menschen gestalten wollen

Diese ständige Suche nach Stimmigkeit ist eine der stärksten inneren Motivationen, die ich kenne. Aber was jemand mit Vorstellungskraft konkret gestalten will, hängt immer davon ab, wofür er sich interessiert und in welchem Kontext er sich bewegt. Bei mir ist es – auch durch die Kombination mit Empathie – oft der Wunsch, Menschen und Situationen zum Besseren zu bewegen. Bei jemand anderem mit demselben Talent kann der Blick ganz woanders hängen bleiben: bei Prozessen, bei Räumen, bei Produkten.

Das gilt übrigens für jedes Talent, nicht nur für die Vorstellungskraft: Es entfaltet sich erst richtig, wenn es den passenden Rahmen und den passenden Kontext findet. Und dafür braucht es auch das Dürfen und das Gehörtwerden.

Von außen betrachtet kann das anstrengend wirken – jemand, der ständig neue Vorschläge bringt und Dinge verbessern will, kann andere schnell überfordern.

Wenn zwei Talente aufeinandertreffen

Früher hat mich der Analytiker oft irritiert: Er hat meine Ideen und Konzepte hinterfragt, bevor ich überhaupt fertig war. Heute weiß ich: Das war nie Kritik, sondern seine Form der Wertschätzung – er wollte die Sache wirklich verstehen. Aber ohne dieses Wissen habe ich mich früher oft gebremst gefühlt.

Umgekehrt kann die Vorstellungskraft für einen Analytiker schnell too much werden, wenn sie ungebremst durchstartet. Bei uns hat sich eine einfache Regel bewährt: Ich bringe eine Idee – nicht fünfzigtausend. Sonst kommt der Analytiker aus seinem Bergwerk gar nicht mehr raus.

Mein Fazit zur Vorstellungskraft

1️⃣ Gib ihr den Rahmen, in dem sie gestalten darf – und höre ihre Ideen an, auch wenn nicht jede sofort umsetzbar ist.

2️⃣ Wenn du selbst Vorstellungskraft hast: Nicht jede Idee muss sofort raus. Manchmal ist eine gute Idee wertvoller als fünf auf einmal.

Im nächsten Post schauen wir uns das dritte Talent aus dieser Kategorie an – und wie alle drei zusammen zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit Komplexität umgehen können.

Erkennt ihr euch in der Vorstellungskraft wieder – oder kennt ihr jemanden, dem ständig kleine Unstimmigkeiten auffallen? 🙋 Ich freu mich auf eure Geschichten!

Bis bald, Julia