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Weiter geht’s mit meiner Serie über die CliftonStrengths-Talente. Mit dem Arrangeur haben wir die erste Kategorie „Umgang mit Komplexität“ abgeschlossen. Drei Talente, die alle auf ihre eigene Weise mit komplexen Situationen umgehen. Der Analytiker steigt tief ins Bergwerk, die Vorstellungskraft fliegt mit dem Helikopter darüber und der Arrangeur jongliert so lange, bis alles zusammenpasst.

Heute wechseln wir die Perspektive. Es geht nicht mehr darum, wie Menschen mit Komplexität umgehen, sondern wie sie Zeit erleben. Ich habe diese drei Talente deshalb unter der Kategorie Zeitpräferenz zusammengefasst. Nicht, weil sie ähnlich sind – ganz im Gegenteil. Wenn diese drei in einem Raum sitzen, gehen sie sich manchmal ganz schön auf die Nerven.

Der Zukunftsorientierte ist mit seinen Gedanken längst dort, wo er einmal hinmöchte. Er sieht Bilder, Visionen und Möglichkeiten und steckt andere mit seiner Begeisterung an. Der Kontext schaut erst einmal zurück. Er möchte verstehen, wie wir überhaupt hierhergekommen sind, welche Erfahrungen wir gemacht haben und was wir daraus lernen können. Und dann gibt es den Anpassungsfähigen. Er hört sich das vielleicht noch einen Moment an – und ist dann längst unterwegs. Nicht, weil ihn Vergangenheit oder Zukunft nicht interessieren. Sondern weil für ihn genau jetzt das Leben stattfindet.

Mit genau diesem Talent starten wir heute.

Wenn ich Anpassungsfähigkeit mit einem Bild beschreiben müsste, dann wäre es für mich ein Otter im Wildwasser. Während andere überlegen, ob die Strömung vielleicht zu stark ist, sitzt er längst im Boot und grinst. Nicht, weil er leichtsinnig ist. Sondern weil ihn genau das begeistert. Überraschungen sind für ihn keine Störung. Sie sind sein Spielplatz. Je mehr sich bewegt, desto lebendiger fühlt er sich. Menschen mit Anpassungsfähigkeit brauchen keine perfekte Planung. Sie brauchen Dynamik. Sie lieben das Unerwartete und finden erstaunlich schnell einen neuen Weg, wenn der ursprüngliche plötzlich nicht mehr funktioniert.

Ich muss dabei immer an meine Jugendfreundin denken. Jeden Morgen klingelte sie um sieben Uhr bei uns zu Hause und rief: „Juli, komm runter! Abenteuer wartet auf uns! Um sieben Uhr Morgens.“ Und dann ging es los. Mal sind wir mit dem Paddelboot Richtung Frankreich gepaddelt, danach haben wir eine Staudamm gebaut oder Kühe abeschossen! Weil sie das spannend fand.

Wenn ich lieber zu Hause geblieben wäre, um zu malen oder einfach etwas Kreatives zu machen, schaute sie mich nur an und sagte: „Ach komm, ist doch langweilig, lass uns kämpfen, was wir heute machen.“ Natürlich war sie stärker als ich. Einmal in der Woche durfte ich gewinnen. 😄 Damals wusste ich natürlich noch nichts von CliftonStrengths. Heute denke ich oft: Sie war Anpassungsfähigkeit in Reinform.

Viele Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass genau diese Freundin eine Stelle als Vertriebsleiterin angenommen hatte. Meine erste Reaktion war: „Das hält sie keine vier Wochen aus.“ Wir haben sogar intern gewettet. Drei Wochen später rief sie an und sagte: „Ich bin wieder im Außendienst. Ich brauche die Dynamik. Ich muss raus. Das Büro macht mich wahnsinnig.“ Ich musste schmunzeln, denn genau das war sie. Für viele Menschen wäre das ein Traumjob gewesen. Für sie war es ein Käfig. Sie brauchte Begegnungen, Überraschungen und das Gefühl, morgens noch nicht genau zu wissen, was der Tag für sie bereithält.

Ich glaube, genau darin liegt die Stärke dieses Talents. Menschen mit Anpassungsfähigkeit können etwas, das viele andere nur schwer schaffen: Sie lassen los. Sie hängen nicht lange an einem Plan fest, wenn das Leben plötzlich anders spielt. Während andere noch überlegen, was hätte sein können, richten sie ihren Blick schon auf das, was jetzt möglich ist. Genau deshalb sind sie in Krisen oft erstaunlich resilient. Sie kämpfen nicht gegen die Strömung. Sie lernen, mit ihr zu fahren.

Natürlich kann das andere Talente auch irritieren. Wer stark im Kontext ist, möchte vielleicht erst verstehen, warum etwas passiert ist. Der Zukunftsorientierte möchte wissen, wohin die Reise geht. Und der Anpassungsfähige? Der hat den Kurs längst geändert, weil der Wind sich gedreht hat. Das ist keine Gedankenlosigkeit. Es ist seine größte Stärke.

Mein Fazit zur Anpassungsfähigkeit ist deshalb ganz einfach.

1️⃣ Gib diesen Menschen Raum für Dynamik. Nicht jeder Tag muss gleich aussehen. Genau dort, wo andere Stress empfinden, laufen sie oft zur Höchstform auf.

2️⃣ Wenn du selbst Anpassungsfähigkeit zu deinen stärksten Talenten zählst, dann nimm die Menschen um dich herum mit. Du kannst Pläne unglaublich schnell loslassen. Andere brauchen manchmal einen Moment länger. Erklär ihnen kurz, warum du den Kurs änderst. Das schafft Verständnis und verhindert, dass sie das Gefühl haben, zurückgelassen zu werden.

Im nächsten Beitrag lernen wir den Kontext kennen – den Fährtenleser. Er zeigt uns, warum der Blick zurück manchmal der beste Weg ist, um die Zukunft zu verstehen.

Erkennt ihr euch in der Anpassungsfähigkeit wieder oder kennt ihr jemanden, der morgens aufsteht und denkt: „Mal sehen, welches Abenteuer heute auf mich wartet.“ Ich freue mich auf eure Geschichten.

Bis bald,

Julia