Mit meinem letzten Beitrag über Behutsamkeit habe ich die Kategorie Vor–Nachher-Denken begonnen. Dazu gehören für mich die Talente Behutsamkeit, Disziplin und Fokus. Drei Talente, die etwas brauchen, bevor sie richtig loslegen können. Bei Behutsamkeit war es die Zeit, mögliche Risiken und Stolpersteine vorher zu durchdenken. Bei Disziplin ist es etwas anderes.
Disziplin braucht Struktur.
Disziplin – Der Strukturierer
Ich habe einmal jemanden kennengelernt, der selbst im Wohnmobil Listen führte. Nicht nur eine Packliste für den Urlaub. Er hatte Listen darüber, was wann nachgekauft werden musste. Was verbraucht war, was bald verbraucht sein würde und was deshalb beim nächsten Einkauf wieder aufgefüllt werden musste.Ich fand das großartig. Nicht unbedingt, weil ich selbst so leben möchte. Aber weil man an solchen kleinen Dingen wunderbar erkennen kann, wie ein Talent denkt.
Menschen mit diesem Talent lieben Gewohnheiten, Rituale und verlässliche Abläufe. Sie wissen gern, was wann passiert. Ihr Tag hat häufig eine Struktur, und diese Struktur ist nicht einfach eine nette organisatorische Hilfe. Sie entlastet ihr Gehirn. Wenn du herausfinden möchtest, wer in einem Team hohe Disziplin hat, gibt es übrigens einen ziemlich einfachen Feldversuch: Verlege die Mittagspause. Natürlich bitte nicht jeden Tag. Wir wollen schließlich niemanden absichtlich quälen.
Aber du wirst wahrscheinlich schnell merken, für wen eine kurzfristige Veränderung nicht einfach nur eine kleine Angelegenheit ist und du damit gerade einen sorgfältig eingerichteten Tagesablauf durcheinandergebracht hast. Wenn montags um 18 Uhr Sport ist, dann ist montags um 18 Uhr Sport. Eine Ausnahme geht meistens auch. Nur wäre es ausgesprochen freundlich, sie nicht um 17.52 Uhr anzukündigen.
Ordnung ist das halbe Leben
Bei kaum einem Talent passt dieser Satz für mich besser. Dabei geht es nicht darum, dass alles hübsch aufgeräumt aussehen muss. Struktur schafft Orientierung. Listen, feste Abläufe und Routinen verhindern, dass immer wieder neu entschieden werden muss, was als Nächstes kommt. Ist der Ablauf einmal geschaffen, kann Disziplin ihn unglaublich konsequent und sauber abarbeiten.
Das erklärt auch, warum Menschen mit diesem Talent am Anfang manchmal etwas Zeit brauchen. Bevor sie anfangen, möchten sie verstehen: Was genau ist zu tun? In welcher Reihenfolge? Wer macht was? Was brauche ich dafür? Wann muss welcher Schritt erledigt sein? Diese Zeit ist keine verlorene Zeit. Sie ist Initiationszeit. Behutsamkeit braucht diese Zeit, um Eventualitäten und Risiken zu prüfen. Disziplin braucht sie, um Ordnung herzustellen. Ist der Rahmen anschließend klar, läuft die Arbeit häufig erstaunlich zuverlässig.
Besonders spannend wird es deshalb, wenn Disziplin auf Arrangeur trifft.
Der Arrangeur liebt es, zu jonglieren und zu managemen. Möchte die Verantwortung delegieren und weiss meist garnicht so richtig, was der Disziplinierte noch alles wissen will, um die Arbeit zu starten. Er möchte einfach die Verantwortung delegieren. Für einen Menschen mit hoher Disziplin kann das Chaos pur sein.
Der Arrangeur denkt: „Hier ist das Paket. Mach mal.“
Disziplin denkt: „Moment. Was genau? Bis wann? In welcher Reihenfolge? Wer ist beteiligt? Und was bedeutet eigentlich ›mach mal‹?“
Das ist keine Unfähigkeit und auch keine mangelnde Selbstständigkeit. Die beiden Gehirne organisieren Arbeit schlicht unterschiedlich. Der Arrangeur gewinnt Energie daraus, Dinge während des Tuns neu zu arrangieren. Disziplin gewinnt Energie daraus, einen verlässlichen Rahmen zu haben, innerhalb dessen sauber gearbeitet werden kann.
In der Zusammenarbeit hilft deshalb häufig etwas Erstaunlich Einfaches: Gebiet abstecken, Informationen geben, Ablauf klären – und dann arbeiten lassen.
Dieser Rechtschreibfehler muss weg
Eine meiner Kundinnen hatte Disziplin auf Platz eins. Ich begleitete sie über mehrere Jahre in ihrer Entwicklung zur Führungskraft. Und ich lernte dabei etwas sehr Praktisches. Auf meinen Flipcharts durften keine Rechtschreibfehler stehen. Wenn dort einer war, konnte ich die interessantesten Dinge erzählen – ihre Aufmerksamkeit blieb beim Rechtschreibefehler. Sie hatte keine Zuhörfähigkeit mehr.
Anfangs fand ich das, vorsichtig ausgedrückt, gewöhnungsbedürftig. Ich bin nämlich nicht der Mensch, dessen Gehirn jeden Rechtschreibfehler sofort entdeckt. Wenn ich dann einen Fehler auf einer schönen Flipchart korrigieren musste, störte wiederum mich, dass meine schöne Flipchart danach nicht mehr schön aussah.
Wir waren also ein ausgesprochen interessantes Gespann. Irgendwann verstand ich aber, dass sie das nicht absichtlich machte. Der Fehler zog schlicht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Solange er dort stand, war er eine Unstimmigkeit in einer ansonsten geordneten Struktur. Also änderte ich meine Arbeitsweise. Ich bereitete mehr über PowerPoint vor und ließ wichtige Unterlagen vorher von jemandem gegenlesen, der deutlich rechtschreibsicherer war als ich. Problem erledigt.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. Für mich steckt darin aber etwas sehr Wichtiges in der Stärkenarbeit. Wir müssen nicht jede Eigenart eines anderen Menschen verstehen oder selbst genauso empfinden. Manchmal reicht es vollkommen zu wissen: So arbeitet dieses Gehirn besser. Dann kann man den Rahmen entsprechend gestalten, statt sich gegenseitig das Leben unnötig schwer zu machen.
Disziplin bedeutet nicht, dass nur diese Menschen diszipliniert sind
Das ist mir bei diesem Talent besonders wichtig. Wer Disziplin nicht weit vorne in seinem CliftonStrengths-Profil hat, ist deshalb keineswegs undiszipliniert. Natürlich können auch Menschen ohne dieses Talent zuverlässig sein, Pläne einhalten, sorgfältig arbeiten oder sich zu etwas zwingen. Das Talent beschreibt etwas anderes.
Menschen mit hoher Disziplin brauchen Struktur und gewinnen daraus Energie. Routinen und wiederkehrende Aufgaben können für sie angenehm sein, weil sie Klarheit schaffen. Ordnung macht den Kopf frei.
Für einen Menschen, bei dem Disziplin sehr weit hinten liegt, kann dieselbe Arbeit dagegen ausgesprochen anstrengend werden. Stundenlang Listen prüfen, immer wieder denselben Ablauf durchführen oder einen Text bis zum letzten Rechtschreibfehler kontrollieren? Das kann man selbstverständlich tun. Nur kostet es möglicherweise wesentlich mehr Energie. Und genau deshalb interessiert mich bei CliftonStrengths nie nur die Frage: Was kann jemand? Mich interessiert genauso: Unter welchen Bedingungen kann jemand es besonders gut?
Disziplin kann unglaublich gründlich, verlässlich und konsequent arbeiten. Sie kann Routinen pflegen, Fehler entdecken und dafür sorgen, dass Dinge nicht nur irgendwie, sondern sauber erledigt werden. Aber dafür sollten wir ihr etwas geben, das sie braucht: einen Rahmen, Struktur und ein wenig Zeit, bevor es losgeht. Dann muss man sich über eines meistens keine Sorgen mehr machen. Es wird erledigt. Und vermutlich steht es sogar schon auf der Liste.
Beim nächsten Mal schauen wir uns Fokus an. Das dritte Talent meiner Kategorie Vor–Nachher-Denken. Auch Fokus braucht am Anfang etwas – aber weder die Risikoabwägung der Behutsamkeit noch die Ordnung der Disziplin. Fokus möchte vor allem eines wissen: Wo genau wollen wir hin?
Bis zum nächsten Mal
Julia
