Weiter geht’s mit der Kategorie Zeitpräferenz. Im letzten Beitrag haben wir den Anpassungsfähigen kennengelernt – den Otter, der das Abenteuer liebt und ganz im Hier und Jetzt lebt. Heute schauen wir uns sein Gegenstück an: den Kontext.
Ich habe diese drei Talente bewusst in einer Kategorie zusammengefasst, weil sie dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben. Der Anpassungsfähige fragt: „Was machen wir jetzt?“ Der Zukunftsorientierte sieht längst vor sich, wo die Reise hingehen könnte. Und der Kontext? Der fragt erst einmal: „Moment … wie sind wir eigentlich hierhergekommen?“
Genau deshalb gehen sich diese drei Talente manchmal auch ganz schön auf die Nerven. Nicht, weil einer von ihnen falsch liegt, sondern weil jeder dieselbe Situation durch eine andere Zeitbrille betrachtet.
Der Fährtenleser
Wenn ich den Kontext mit einem Bild beschreiben müsste, dann wäre es für mich ein Bluthund. Nicht, weil er in der Vergangenheit lebt. Sondern weil er der Fährte folgt.
Er möchte verstehen, wann etwas begonnen hat, welche Entscheidungen getroffen wurden und an welcher Stelle wir vielleicht die Spur verloren haben. Für ihn geht es nicht darum, Schuldige zu finden. Er möchte Zusammenhänge erkennen. Denn nur wenn er versteht, wie etwas entstanden ist, kann er einschätzen, wie es sinnvoll weitergehen kann.
Deshalb interessieren sich Menschen mit Kontext häufig für Geschichte, Politik oder die Entstehung von Dingen. Sie wollen verstehen, warum wir heute dort stehen, wo wir stehen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie wissen: Wer den Weg kennt, findet sich auch in der Zukunft besser zurecht.
Eine kleine Geschichte dazu
Ich musste dabei oft an meinen Partner denken. Er hatte das Talent Kontext sehr weit oben. Als ich ihn bat, den CliftonStrengths-Test zu machen, sagte er nicht einfach: „Ja, mache ich.“ Seine erste Reaktion war:
„Da muss ich aber erst einmal mehr darüber wissen.“
Also erzählte ich ihm die Geschichte von Donald Clifton. Warum Gallup überhaupt angefangen hat, sich mit Stärken statt mit Schwächen zu beschäftigen. Wie die Forschung entstanden ist. Welche Idee dahintersteckt und warum dieses Modell heute weltweit genutzt wird.
Ich dachte, das Gespräch wäre nach einer Stunde beendet. War es nicht. Wir haben fast zwei Wochen immer wieder darüber gesprochen. Er stellte Fragen, wollte Zusammenhänge verstehen und hat sich Stück für Stück den gesamten Kontext erschlossen.
Erst dann sagte er: „Jetzt verstehe ich das. Jetzt mache ich den Test.“
Damals musste ich schmunzeln. Heute denke ich: Typischer Kontext. Nicht, weil er skeptisch war. Sondern weil er verstehen wollte, woher etwas kommt, bevor er sich darauf einlässt.
Warum Menschen mit Kontext manchmal ausbremsen
Genau hier entstehen auch Missverständnisse. Während der Zukunftsorientierte seine Vision erzählt und andere dafür begeistern möchte, hebt der Kontext oft die Hand und stellt Fragen. Nicht, weil er dagegen ist. Sondern weil ihm noch Informationen fehlen. Er möchte verstehen. Und manchmal kann das auf andere wie eine Bremse wirken.
Genauso erlebt der Anpassungsfähige den Kontext oft als langsam, weil er längst losgelaufen wäre. Dabei verfolgen alle drei dasselbe Ziel. Sie nehmen nur einen unterschiedlichen Weg dorthin.
Mein Fazit zum Kontext
1️⃣ Gib Menschen mit Kontext die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu verstehen. Für sie ist das keine Nebensache, sondern die Grundlage, um gute Entscheidungen treffen zu können.
2️⃣ Wenn du selbst Kontext zu deinen stärksten Talenten zählst, dann denke daran: Nicht jeder braucht den gesamten Weg von A bis Z. Manchmal reicht den anderen auch die Kurzversion. 😉
Im nächsten Beitrag lernen wir den Zukunftsorientierten kennen – denjenigen, der andere mit seinen Bildern der Zukunft begeistert und sie motiviert, sich auf den Weg zu machen.
Erkennt ihr euch im Kontext wieder? Oder kennt ihr jemanden, der erst einmal verstehen möchte, wie etwas entstanden ist, bevor er loslegt? Ich freue mich auf eure Geschichten.
Bis bald,
Julia
