Mit diesem Beitrag schließen wir die Kategorie Zeitpräferenz ab. In den letzten beiden Beiträgen haben wir den Anpassungsfähigen kennengelernt, der ganz im Hier und Jetzt lebt, und den Kontext, der verstehen möchte, wie wir überhaupt an den Punkt gekommen sind, an dem wir heute stehen. Heute schauen wir uns das dritte Talent dieser Kategorie an: die Zukunftsorientierung.
Während der Anpassungsfähige fragt: „Was machen wir jetzt?“ und der Kontext wissen möchte: „Wie sind wir hierhergekommen?“, beschäftigt den Zukunftsorientierten vor allem eine Frage: „Wo könnten wir hingehen?“
Der Visionär
Wenn ich Zukunftsorientierung mit einem Bild beschreiben müsste, dann wäre es für mich ein Kranich auf einer Anhöhe. Nicht, weil er einfach weit sehen kann. Sondern weil sein Blick immer zum Horizont geht.
Er sieht Möglichkeiten, bevor sie für andere sichtbar werden. Er malt Bilder einer Zukunft, die es heute vielleicht noch gar nicht gibt. Genau diese Bilder begeistern ihn selbst – und oft steckt er damit auch andere an. Zukunftsorientierte motivieren selten mit Zahlen oder Argumenten. Sie motivieren mit Visionen. Sie erzeugen ein Kopfkino, das Lust macht, loszugehen.
Eine kleine Geschichte dazu
Ich erinnere mich noch gut an einen Teilnehmer in einem Talentworkshop. Er arbeitete in einem Team von Ingenieuren und erzählte mir, wie frustriert er war. Immer wieder sprach er davon, wohin sich seine Branche entwickeln könnte. Er erzählte von Ideen, die damals noch kaum jemand auf dem Schirm hatte, und malte Bilder davon, wie die Zukunft aussehen könnte. Seine Kollegen lächelten oft nur müde. Manche hielten ihn sogar für einen Spinner.
Als wir uns seine Talente anschauten, wurde vieles verständlich. Er hatte eine sehr stark ausgeprägte Zukunftsorientierung. Er dachte nicht über den nächsten Schritt nach. Er war gedanklich oft schon mehrere Jahre weiter. Während seine Kollegen die aktuelle Situation analysierten, beschäftigte ihn längst die Frage, wie die Welt morgen aussehen könnte. In dem Moment fiel ihm ein Stein vom Herzen. Nicht, weil plötzlich alle seine Ideen richtig waren. Sondern weil er verstand, dass mit ihm nichts „nicht stimmt“. Er hatte einfach eine andere Zeitpräferenz als viele Menschen in seinem Umfeld.
Wir haben damals gemeinsam überlegt, wie er dieses Talent besser einsetzen kann. Nicht, indem er seine Visionen zurückhält, sondern indem er den richtigen Rahmen dafür findet. Menschen mit Zukunftsorientierung brauchen Rollen, in denen sie Zukunft gestalten dürfen. Dort können sie eine enorme Kraft entfalten.
Warum Zukunftsorientierte manchmal missverstanden werden
Ich muss bei diesem Talent oft schmunzeln. Wenn ich einem Zukunftsorientierten im Coaching eine Frage stelle, bekomme ich manchmal schon die Antwort auf die dritte Frage, die ich eigentlich erst viel später stellen wollte. Gedanklich ist er längst dort angekommen. Für ihn ist das völlig selbstverständlich. Für sein Gegenüber manchmal weniger. Genau deshalb entstehen auch in dieser Kategorie immer wieder Missverständnisse.
Der Kontext möchte zunächst verstehen, wie wir überhaupt hierhergekommen sind. Er folgt der Spur und setzt die einzelnen Puzzleteile zusammen. Der Zukunftsorientierte hingegen richtet seinen Blick nach vorne. Er möchte wissen, was möglich wird und wohin sich die Reise entwickeln könnte. Beide verfolgen dasselbe Ziel. Sie wählen nur einen völlig unterschiedlichen Ausgangspunkt.
Während der Zukunftsorientierte begeistert erzählt, wohin sich ein Unternehmen entwickeln könnte, hebt der Kontext vielleicht die Hand und fragt erst einmal nach der Entstehungsgeschichte. Und der Anpassungsfähige? Der ist möglicherweise schon losgelaufen und probiert den ersten Schritt einfach aus. Keiner von ihnen liegt falsch. Sie sprechen nur unterschiedliche Sprachen.
Bilder bewegen Menschen
Für mich gehört die Zukunftsorientierung zu den Talenten, die besonders stark über innere Bilder arbeiten. Dabei unterscheide ich sie von der Vorstellungskraft. Die Vorstellungskraft erschafft neue Lösungen und macht aus Unstimmigkeit wieder Stimmigkeit. Der Zukunftsorientierte dagegen erschafft Bilder einer Zukunft, die Menschen motivieren sollen.
Gemeinsam mit der Kommunikation und der Bedeutsamkeit gehört die Zukunftsorientierung für mich zu den Talenten, die ein besonders starkes Kopfkino erzeugen können. Während sie innerlich schon mitten in dieser Zukunft stehen, sieht ihr Gegenüber vielleicht nur die Gegenwart. Genau deshalb ist es so wichtig, die Menschen mitzunehmen und ihnen Zeit zu geben, diese Bilder ebenfalls entstehen zu lassen.
💡 Mein Fazit zur Zukunftsorientierung
1️⃣ Gib Zukunftsorientierten Raum für ihre Visionen. Nicht jede Idee wird Wirklichkeit werden. Aber manche verändern genau deshalb die Welt, weil sie jemand ausgesprochen hat, bevor sie für alle anderen offensichtlich war.
2️⃣ Wenn du selbst Zukunftsorientierung zu deinen stärksten Talenten zählst, dann nimm dein Umfeld mit auf deine Reise. Was für dich schon glasklar ist, entsteht im Kopf anderer oft erst nach und nach. Je besser deine Bilder sind, desto leichter können andere deiner Vision folgen.
Mit diesem Beitrag endet die Kategorie Zeitpräferenz. Drei Talente, die dieselbe Situation völlig unterschiedlich betrachten – und genau deshalb manchmal aneinandergeraten. Wenn wir verstehen, dass jeder von ihnen eine andere Stärke mitbringt, entstehen aus diesen Unterschieden plötzlich keine Konflikte mehr, sondern echte Ergänzungen.
Erkennt ihr euch in der Zukunftsorientierung wieder – oder kennt ihr jemanden, der schon von morgen erzählt, während alle anderen noch über heute sprechen? Ich freue mich auf eure Geschichten.
Bis bald,
Julia
